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Die wirtschaftliche Lage unseres Landes mit besonderen Berücksichtigung der Landwirtschaft
Vortrag vom 24. November 1917 in der Abgeordnetenversammlung des Verbandes landwirtschaftlicher Genossenschaften in Bern
Im Süden und im Westen, im Norden und im Osten Europas widerhallt der Donner der Kanonen in immer schärferer Tonart. Auf blutgetränkten Gefilden wird die Blüte der Menschheit, wird die Vollkraft der Nationen gebrochen. Der Blutstrom der Gefallenen mischt sich mit dem Tränenstrom der Hinterbliebenen. Wo früher eine arbeitsfreudige Bevölkerung friedlich ihrer Beschäftigung oblag, da finden wir heute vielfach nur noch öde Trümmerfelder. Das sind die Greuel des Krieges, und noch nirgends ist ein Schimmer von der längst ersehnten Morgenröte eines dauernden Friedens sichtbar. Mitten in diesem Weltenbrand liegt, wie eine Friedensinsel, unser Vaterland. Bis heute hat der Krieg noch keine Lücken gerissen in unsern Familien; auch unsere Häuser, unsere Felder und Wälder stehen noch unversehrt da. An diese Tatsache wollen wir uns immer wieder erinnern; denn dieser Gedanke verleiht dem Schweizervolk diejenige Kraft, die in diesen kritischen Zeiten für ein würdiges Durchhalten so notwendig ist. Wenn bis heute die Schrecken des Krieges von unsern Gauen ferngehalten wurden, so verdanken wir dies in erster Linie der Tüchtigkeit unserer Armee. Wir wollen deshalb diese Armee in Ehren halten; denn wir haben sie nötig, jetzt und in Zukunft. Wenn gröbliche Fehler und Vorstösse vorkommen – und sie sind vorgekommen und sie werden auch in Zukunft nie gänzlich zu vermeiden sein — so ist es unser Recht und unsere Pflicht, dahinzuwirken, dass diese Missstände abgestellt werden. Aber es soll dies immer im Interesse der Armee geschehen und nicht, um dieselbe zu diskreditieren und unpopulär zu machen. Unbegreiflich und unverständlich muss es einem erscheinen, dass in diesem Moment gewisse Bevölkerungskreise jegliche Landesverteidigung verneinen können. In diesen Kreisen scheint jegliches Nationalitätsgefühl, jedes vaterländische Empfinden erloschen zu sein. Das sind meines Erachtens traurige Eidgenossen, die das moralische Recht, unser Land bewohnen zu dürfen, direkt verwirkt haben. So glücklich wir uns einerseits schätzen dürfen, bis jetzt vorn Krieg verschont geblieben zu sein, so unglücklich sind andererseits die Wirkungen des Krieges für unser Land in wirtschaftlicher Beziehung. Nachdem unsere Zufuhren bei Ausbruch des Krieges eine so jähe Unterbindung erlitten, wurde unserem Volke plötzlich klar, in was für ein unangenehmes Abhängigkeitsverhältnis unser Land im Laufe der Jahre sich gegenüber dem Ausland verwickelt hatte, eine Tatsache, auf deren Gefährlichkeit unsere Bauernführer vor dem Krieg immer wieder aufmerksam machten. Leider wurden diese wohlgemeinten Ratschläge in massgebenden Kreisen vielfach überhört. Die Entwicklung des schweizerischen Wirtschaftslebens vor dem Krieg brachte es mit sich, dass unsere Landwirtschaft immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde. Besonders günstig waren die wirtschaftlichen Verhältnisse für die Entstehung von Aktiengesellschaften. Dadurch wurden immer neue Unternehmungen ins Leben gerufen, pilzartig schossen immer mehr Fabriken aus dem Boden hervor. Unser Land stund im Zeichen eines grossartigen industriellen Aufschwunges. Es war deshalb gegeben, dass grosse Kreise unserer Bevölkerung davon überzeugt waren, dass die Industrie für unser Land das Alleinseligmachende bedeute. Denn die Industrie, so wurde argumentiert, schaffe Arbeitsgelegenheit in Hülle und Fülle, sie sei die eigentliche Verdienstquelle des Volkes, und die Mehrung der Industrie bedeute gleichzeitig eine Mehrung der Steuerkraft. Durch diese fortschreitende Industrialisierung wurden der Landwirtschaft immer mehr Leute entzogen und entfremdet. In der Folge sehen wir das mächtige Anwachsen der grossen Gruppe der Konsumenten, welche ihre Kraft in einer starken Organisation zu konzentrieren sucht. Der wichtigste Programmpunkt dieser Konsumentenorganisation bildete von jeher die Verbilligung der Lebensmittel. Zur Erreichung dieses Zieles wurde mit Hochdruck auf die Abschaffung der Zölle auf sämtlichen Lebensmitteln hingearbeitet. Die Liga zur Verbilligung der Lebenshaltung und die Fusion des Verbandes schweizerischer Konsumvereine mit Bell AG verdanken ihre Entstehung dieser Tendenz. Man ging dabei von der ganz falschen Voraussetzung aus, dass unsere Nachbarstaaten die schweizerische Lebensmittelversorgung bei vollständiger Zollfreiheit viel billiger bewerkstelligen können, als dies der hiesigen Landwirtschaft möglich sei, und dass man deshalb die letztere, wenn sie die ausländische Konkurrenz nicht auszuhalten vermöge, sehr wohl entbehren könne. Man hat zahlenmässig den Nachweis zu erbringen versucht, dass die schweizerische Landwirtschaft prozentual immer mehr zurückgehe und dass es deshalb erste Pflicht und Schuldigkeit der Behörden sei, der grossen Gruppe der Konsumenten durch Verbilligung der Lebensmittel ihre Existenzbedingungen zu erleichtern. Es ist nun klar, dass diese Bestrebungen eine starke Gefährdung der bäuerlichen Interessen bedeuten. Deshalb hat man zu Abwehrmassnahmen Zuflucht nehmen müssen, und das führte zur Kräftigung und zum Ausbau unserer Produzentenorganisationen. Diesen genossenschaftlichen Hochburgen, diesen Wahrzeichen eigener Kraft ist es zu verdanken, dass die schweizerische Landwirtschaft ihre Leistungsfähigkeit bewahren konnte, und das kommt heute nicht in letzter Linie denjenigen Bevölkerungsschichten zugut, die sich gewohnt sind, die bäuerlichen Forderungen am heftigsten zu bekämpfen. Bei Ausbruch des Weltkrieges haben die früheren Verhältnisse ganz plötzlich eine Verschiebung erfahren. Die Hauptsorge von Volk und Behörden hat sich naturgemäss auf die inländische Lebensmittelversorgung konzentriert, und dadurch ist die vorher vielfach so verachtete Landwirtschaft mit einem Schlag in den Vordergrund gerückt, und alle Hoffnungen und Erwartungen des Schweizervolkes haben sich an diesem „rettenden Fels im stürmenden Meer“ festgeklammert. Der schweizerische Bauernstand war sich seiner grossen Verantwortung von Anfang an sehr wohl bewusst. Er hat alle frühern Befehdungen und Anrempelungen auf die Seite geschoben und hat seine Bruderhand allen wirtschaftlichen Gruppen versöhnend entgegengestreckt, sich im Stillen gelobend, all den grossen Anforderungen nach Möglichkeit gerecht zu werden. Wie hat die schweizerische Landwirtschaft diese Aufgaben bis heute erfüllt? Als die vier Hauptpositionen in unserer Volksernährung wollen wir anführen die Versorgung unseres Volkes mit Milch und Milchprodukten, Brot, Fleisch und Kartoffeln. Alle übrigen Produkte, die wir erzeugen, wie Gemüse, Obst, Eier usw., so wichtig sie auch sein mögen, so haben sie doch mehr nur ergänzende Bedeutung und dienen besonders dazu, unsere Menus etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Wir wollen nun auf die vier Hauptpunkte unserer Lebensmittelversorgung etwas näher eintreten.
Unsere Landwirtschaft hat jederzeit willig Hand geboten, um eine rationelle Milchversorgung unseres Landes zu ermöglichen. Mit Rücksicht auf die grosse Wichtigkeit, welche der Milch in der Volksernährung zukommt, hat man zum vornherein auf die hohen Preise, auf die man ein Anrecht gehabt hatte, verzichtet. Trotz den gewaltig gesteigerten Produktionskosten und trotz dem grossen Rückgang in der Milchproduktion hat man aus humanitären Rücksichten den besitzlosen Konsumenten gegenüber diese Opfer gebracht, obschon man wohl wusste, dass infolge daheriger Mindereinnahmen sich die Landwirtschaft Beschränkungen aller Art auferlegen muss. Gestützt auf dieses weitherzige Entgegenkommen seitens der milchwirtschaftlichen Organisationen, konnte der Bundesrat seine Massnahmen treffen, und in der Folge ist der Konsummilchpreis tief geblieben. Was das letzte Abkommen auf diesem Gebiet betrifft, so muss allerdings gesagt werden, dass dasselbe in Produktionskreisen nicht befriedigt. Wer mit den Produktionsverhältnissen nur einigermassen vertraut ist, der weiss, dass der verlangte Milchpreisaufschlag von zwei Rappen mehr als gerechtfertigt gewesen wäre. Wir wollen die Schwierigkeiten, unter welchen der Vertreter des Bundesrates die diesbezüglichen Verhandlungen zu leiten hatte, nicht verkennen; wir betrachten es jedoch als einen volkswirtschaftlichen Fehler, dass man den Mut nicht fand, dem Drucke der Konsumentenorganisationen etwas energischer entgegenzuwirken. Ganz unverständlich bleibt für uns der Umstand, dass nun heute auch der wohlhabende Konsument, derjenige, der gewaltige Kriegsgewinne einheimst, sogar der Millionär, das Bundesalmosen von einem Rappen per Liter Milch beziehen soll. Auch hat uns der Bundesrat in den letzten Tagen ein neues Rätsel aufgegeben, nämlich wie man es machen soll, aus sechzigfränkigem Ölkuchen 25- bis 28räppige Milch zu produzieren. Nachdem der Milchpreis staatlich festgesetzt wurde, hat man eine Anpassung der Ölkuchenpreise ohne weiteres erwartet. Leider trifft dies nicht zu, und heute sieht sieh der Bauer in die Zwangslage versetzt, trotz finanzieller Einbusse Ölkuchen verfüttern zu müssen. Uns will scheinen, man treibe hier ein etwas gefährliches Spiel mit der bäuerlichen Gutmütigkeit. Als treue Söhne unseres Landes haben wir schliesslich das Versprechen gegeben, uns in die neue Ordnung der Dinge zu fügen, machen aber darauf aufmerksam, dass der Bogen sehr stark gespannt ist, und wenn diesen Winter eine drohende Milchknappheit eintreten sollte, so müssen und dürfen wir die Verantwortung hierfür ablehnen.
In organisierten Konsumentenkreisen wurde früher mit allem Nachdruck behauptet, die inländische Fleischproduktion könne der Nachfrage bei weitem nicht mehr genügen und man müsse deshalb der Einfuhr von ausländischem Schlachtvieh und Fleisch durch Abschaffung der Zölle Tür und Tor öffnen. Heute wissen wir, dass diese Behauptung nicht zutrifft, sondern dass unsere Viehhaltung imstande ist, der inländischen Fleischversorgung genügen zu können. Nach dieser Richtung hin hat die schweizerische Landwirtschaft alle Erwartungen weit übertroffen. Was nun
anbetrifft, so hatten wir leider im Herbst 1916 eine totale Missernte zu verzeichnen. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Lebensmittelversorgung sind uns noch sehr wohl in Erinnerung, und sie haben uns die hohe Bedeutung, welche der Kartoffel in der Volksernährung zukommt, so recht deutlich vor Augen geführt. Es muss deshalb als ein Glück für unser Land bezeichnet werden, dass die diesjährige Ernte so reichlich ausgefallen ist. Vor dem Krieg hat das schweizerische Bauernsekretariat eine Normalernte auf neun Millionen Zentner eingeschätzt. Eine Million Zentner wurde als Saatgutreserve berechnet, und der Rest fand zu Brenn- und Fütterungszwecken Verwendung; wenn die Einfuhr gross war, so wurden dementsprechend mehr verfüttert. Dank den vorsorglichen Massnahmen des Bundesrates hat die Anbaufläche für Kartoffeln letztes Frühjahr eine wesentliche Vermehrung erfahren; sie betrug 60’000 Hektaren. Bei einer Ertragsberechnung von 200 Zentnern pro Hektare — so viel dürfen wir dieses Jahr rechnen — erreicht der Gesamtertrag die Höhe von 12 Millionen Zentnern. Nun muss damit gerechnet werden, dass für Konsumzwecke ganz andere Quantitäten benötigt werden als in normalen Zeiten. Aber auch wenn wir beispielsweise eine Zunahme von fünfzig Prozent in Anrechnung bringen, so bleiben uns immer noch wesentliche Mengen für die Verfütterung, speziell für die Schweinemast, und dadurch werden wir in die Möglichkeit versetzt, dem herrschenden Fettmangel wenigstens einigermassen entgegenzutreten. Es scheint nun, dass in letzter Zeit die Nachfrage nach Speisekartoffeln besonders lebhaft eingesetzt hat, so dass die Zentralstelle für Kartoffelversorgung den Anforderungen nicht mehr genügen kann. Diese Nachfrage mag wohl zu einem grossen Teil darauf zurückzuführen sein, dass die Fürsorgekommissionen ihren Bedarf mit billigen deutschen Kartoffeln einzudecken beabsichtigen. Leider ist diese Ware mit Bezug auf Qualität hinter den Erwartungen zurückgeblieben, und es würde heute dem Vorsteher des Eidgenössischen Kartoffelamtes nicht schwer fallen, die richtige Antwort geben zu können auf die Frage, warum die deutschen Kartoffeln billiger seien als die schweizerischen. Die Anstrengungen, die noch vorrätigen Kartoffeln aus den Kellern herauszubringen, werden erst dann den gewünschten Erfolg haben, wenn man bei der Preisfestsetzung dem Gewichtsverlust und der Mehrarbeit gegenüber der Ablieferung direkt vom Feld genügend Rechnung trägt. Es ist ja klar, dass heute in erster Linie der Konsument mit Kartoffeln versorgt werden muss, und sollte dies freiwillig nicht möglich sein, so müsste der Zwangsweg betreten werden. Zwangsmassnahmen sind jedoch nur dann am Platze, wenn vorher der Preis in richtigen Einklang gebracht wurde mit dem Arbeitsaufwand. Leider ist man auf den unglücklichen Gedanken gekommen, durch das Mittel der Kompensation die Produzenten zur Ablieferung von Kartoffeln zu veranlassen, indem das Volkswirtschaftsdepartement für drei Wagen gelieferte Kartoffeln einen Wagen Ölkuchen zum Preise von 55 Franken per hundert Kilo franko Bahnstation abgibt. Diese Art des Austausches wurde schon früher in ähnlichen Fällen öfters angewendet. Wir wollen die guten Absichten, die das Volkswirtschaftsdepartement zu einem derartigen Vorgehen veranlasst haben, nicht bezweifeln, aber andererseits muss doch einmal auf die grossen Mängel, die einem derartigen Verfahren anhaften, hingewiesen werden. Einmal bedeutet dies eine Prämiierung derjenigen Produzenten, die in gewinnsüchtiger Absicht ihre Produkte dem Markt fern- zuhalten versuchen, bis eine gewisse Knappheit eintritt, um sodann höhere Preise zu erzielen. Das haben wir zum Beispiel letztes Frühjahr bei den Saatkartoffeln erlebt. Damals hat man den Preis erhöht auf 32 Franken unter gleichzeitiger Abgabe einer Extraprämie, bestehend in Mais. Von diesem Moment an gab es natürlich nur noch Saatkartoffeln und keine Speisekartoffeln mehr. Diejenigen, welche ihre Überschüsse rechtzeitig dem Konsum zuführten, geleitet von dem aufrichtigen Bestreben, die Verhältnisse in der Kartoffelversorgung unseres Landes erleichtern zu helfen, hatten das Nachsehen. Ähnlich ging das Oberkriegskommissariat vor beim Einkauf von Getreide. Wer sein Getreide zurückbehielt bis in den Sommer, der erzielte ebenfalls einen höhern Preis und erhielt als Ersatz Mais oder Gerste zugeteilt. In zweiter Linie sodann schafft man auf diese Weise Ungleichheiten in der Verteilung der knappen Vorräte von Futtermitteln. Es sollte heute als selbstverständlich erscheinen, dass auf diesem Gebiet eine möglichst gleichmässige Verteilung angestrebt werden muss. Zur Erfüllung dieser so wichtigen Aufgabe sind in erster Linie die landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände und die landwirtschaftlichen Genossenschaften die berufenen Organe. Sie allein bieten die nötigen Garantien, dass besonders auch der wirtschaftlich Schwächere zu seinem Recht kommt. Man wird allerdings den Einwand gelten lassen müssen, unsere Organisation sei nicht lückenlos ausgebaut. Aber auch hier dürfte ein Ausgleich nicht schwer fallen. Wo heute die landwirtschaftlichen Genossenschaften noch fehlen, könnten die Verbände sehr wohl mit den Gemeindebehörden in Verbindung treten. Man soll nur einmal die sämtlichen Kraftfuttermittel den Genossenschaftsverbänden im Verhältnis der Produktionsbedeutung in ihren Tätigkeitsgebieten zuweisen, und die Verteilung auf die Einzelproduzenten wird eine glatte Abwicklung erfahren, die allgemein befriedigt. Die Verteilungsart, wie sie bis jetzt praktiziert wurde, ganz besonders diese Extrazuteilung auf dem Wege des Austausches, schafft Konfusionen, Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten und dementsprechend grosse Unzufriedenheiten. In den letzten Tagen ist uns nun die Nachricht zugegangen, man habe, was den Kartoffelhandel anbetrifft, die ursprüngliche Verfügung über die Zuteilung von Ölkuchen aufgehoben und den Preis für Kartoffeln entsprechend erhöht. Dieses Vorgehen wird in unsern Reihen lebhafte Zustimmung finden und ausserordentlich beruhigend wirken. Gestützt auf diese neueste Massnahme, möchte ich die anwesenden Vertreter der landwirtschaftlichen Genossenschaften ersuchen, alles zu tun, um die noch vorrätigen Kartoffeln bei ihren Mitgliedern freizubekommen, damit der Weg der Zwangsenteignung vermieden werden kann. Im Interesse des Ganzen muss es der Wunsch der heutigen Versammlung sein, man möchte für die Zukunft an massgebender Stelle ein für allemal von solch gefährlichen Lockmitteln Umgang nehmen.
Wir haben konstatiert, dass die schweizerische Landwirtschaft die Möglichkeit besitzt, unser Land mit Milch, Fleisch und Kartoffeln genügend versorgen zu können. Anders liegen die Verhältnisse auf dem Gebiet der Brotversorgung. Schon seit Jahrzehnten ist der inländische Getreidebau dem billigen Brot zuliebe preisgegeben worden. Ausländisches Brotgetreide hat zollfrei unsere Grenzen passiert und hat dadurch unsern Getreidebauern jede Rendite verunmöglicht. Vor dem Krieg betrug der Anteil der inländischen Produktion an der Brotversorgung des Landes nur noch 16 Prozent und hätte somit für 59 Tage pro Jahr genügt. Durch das Verfütterungsverbot und durch die bessere Mahlausbeute kann dieser Anteil auf etwa 32 Prozent gesteigert werden. Wir sehen somit, in was für einem gefährlichen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Ausland wir uns auf diesem Gebiete befinden. Glücklicherweise haben sich die Zufuhren bis vor kurzem in recht befriedigender Weise abgewickelt. Leider haben die Verhältnisse durch den deutschen Unterseebootskrieg und besonders auch durch den Eingriff Amerikas in den Weltkrieg eine Zuspitzung erfahren, wodurch die kriegführenden Staaten zu den schärfsten Massnahmen gezwungen wurden. Dadurch haben unsere Zufuhren eine derartige Unterbindung erlitten, dass wir uns heute in bezug auf unsere Lebensmittelversorgung mit dem Gedanken vertraut machen müssen, mit den noch vorhandenen Vorräten und mit unserer Inlandproduktion auszukommen. Wie ein Gespenst grinst uns heute die Frage um das tägliche Brot entgegen. Der Bundesrat sah sich in die Notwendigkeit versetzt, die Rationierung des Brotes durch Aufstellung von Vorschriften vorzunehmen. Es ist heute nicht mehr notwendig, auf diese Vorschriften näher einzutreten; denn wir haben dieselben bereits in der Praxis kennen gelernt. Durch das Mittel der Rationierung und besonders auch dank der so günstigen Kartoffelernte wird es möglich werden, bis zur nächsten Ernte durchzuhalten. Nun kommt aber die wichtige und unheimliche Frage: In was für Verhältnissen werden wir uns übers Jahr befinden? In unserem Optimismus haben wir schon lange an einen baldigen Frieden geglaubt. Wir dürfen das auch weiterhin hoffen, aber ein gewaltiger Fehler wäre es, wollten wir unsern Kurs auf diese Friedenshoffnungen einstellen. In Würdigung dieser schwierigen Verhältnisse hat der Bundesrat die Vermehrung des inländischen Brotgetreidebaues um 50’000 Hektaren beschlossen. Dieses Vorgehen des Bundesrates muss auch in Produzentenkreisen als absolut notwendig und richtig anerkannt werden. Was uns Berner Bauern im ersten Moment etwas verstimmte, das ist das grosse Kontingent von über 10’000 Hektaren, das man uns als Mehranbau zuteilte. Wir wissen sehr wohl, dass, wenn man in andern Gebieten der Schweiz in dem Umfange Getreide pflanzen würde, wie dies bis jetzt im Kanton Bern der Fall war, die verlangten 50’000 Hektaren Mehranbau auch ohne unser Zutun erreicht würden. Aber wir müssen eben die grossen Schwierigkeiten, die sich bei der Einführung des Getreidebaues unsern ostschweizerischen Kollegen entgegenstellen, verstehen lernen. Ihnen fehlten in erster Linie die nötigen Ackergerätschaften: Pflug, Egge, Sämaschine usw. Ferner fehlt die Dreschmaschine; auch ist man nicht eingerichtet für die Einlagerung von Garben und von gedroschenem Getreide. Sodann fehlen besonders auch die nötigen Kenntnisse für den Getreidebau. All das muss zuerst erworben werden. Wenn dies einmal zutrifft, dann allerdings dürfen wir von ihnen ein Mehreres verlangen. Wenn man diese Verhältnisse berücksichtigt, und wenn man bedenkt, dass die bundesrätliche Verfügung viel zu spät erschienen ist, so muss man zu der Überzeugung gelangen, dass die Sicherstellung der Brotversorgung für das Jahr 1918/19 nur möglich ist, wenn wir Berner Bauern alles daran setzen, den uns zugemuteten Verpflichtungen nachzukommen. Soweit meine Beobachtungen reichen, darf ich heute konstatieren, dass die bernische Landwirtschaft es damit ernst genommen hat und dass der gute Wille, sein möglichstes zu tun für des Landes Wohl, überall vorhanden ist. Bei dieser Gelegenheit ist es wohl auch angezeigt, auf die grosse Bedeutung hinzuweisen, die der bernischen Landwirtschaft auf dem Gebiete der schweizerischen Lebensmittelproduktion zukommt. Nach der schweizerischen Anbaustatistik des Jahres 1917 beträgt die Anbaufläche von Getreide für die ganze Schweiz 117’000 Hektaren. Hievon entfallen auf unsern Kanton 32’000 Hektaren. Bei den Hackfrüchten ist das Verhältnis ähnlich. Von 61’000 Hektaren Totalfläche kommen auf den Kanton Bern 18’000 Hektaren. Im fernern ist bekannt, dass der Kanton Bern sich an der Schlachtviehlieferung mit einem Drittel beteiligt hat. Im weitern darf noch hingewiesen werden auf die wichtige Rolle, die uns zukommt auf dem Gebiete der Milchversorgung, der Käse- und Butterfabrikation. Wenn ich auf diese Tatsachen hinweise, so soll dadurch nicht etwa der „Kantönligeist“ besonders gefördert werden, sondern ich möchte vielmehr dem berechtigten Verlangen Ausdruck geben, dass man uns in Zukunft bei der Zuteilung von Futter- und Düngemitteln entsprechend der Wichtigkeit unserer Produktion berücksichtigt. Durch die erlassenen und noch zu erlassenden Produktionsvorschriften wird die schweizerische Landwirtschaft fast ausschliesslich auf die inländische Lebensmittelversorgung eingestellt. Die Ausdehnung des Getreidebaues bedingt eine Einschränkung der Viehhaltung. Schon häufig habe ich die Ansicht vertreten hören, die Ställe seien auch gegenwärtig noch mit Vieh überstellt. Ich teile diese Ansicht. Die Ursache dieser Erscheinung muss wohl in den schlechten Exportverhältnissen und sodann besonders auch in dem künstlich herbeigeführten Preissturz gesucht werden. Diese unglückliche Massnahme, die in unsern Kreisen mit Recht so viel Missstimmung hervorrief, könnte sich bitter rächen, wenn sich die Landwirte darauf versteifen sollten, das letztes Frühjahr vielfach so teuer gekaufte Vieh nun nicht mit Verlusten abstossen zu wollen. So schwer es einem auch fallen mag, so halte ich jedoch dafür, es sei das klügste, sich den Verhältnissen anzupassen und den Viehstand mit den Heustöcken in Einklang zu bringen. Der hohe Ölkuchenpreis, der in einem totalen Missverhältnis zum Milchpreis steht, kann nicht zum Durchhalten allzu grosser Viehstände ermutigen. Die Futterkalamität des letzten Frühjahrs ist uns allen noch sehr wohl in Erinnerung. Eine Wiederholung derartiger Zustände muss vermieden werden, und hier waren die landwirtschaftlichen Genossenschaften die berufenen Organe, aufklärend auf ihre Mitglieder einzuwirken. Eine Abnahme der Viehbestände bedingt naturgemäss auch ein Zurückgehen der Milchproduktion, und dadurch wird ganz besonders die Fettkäsefabrikation für den Export schwer betroffen. Dieselbe wird namentlich auch zurückgedrängt, um durch vermehrte Buttererzeugung die Verhältnisse auf dem Gebiet der Fettversorgung erträglich zu gestalten. Bis jetzt war der Exportkäse eine äusserst wichtige Kompensationsware. Für die Zukunft wird dies nur noch in beschränktem Masse zutreffen. Das gleiche gilt für das Exportvieh. Inwieweit man den Kondensmilch- und Schokoladefabrikanten den Export gestattet, entzieht sich meiner Kenntnis. Als wichtigster Kompensationsgegenstand bleibt uns noch das Holz. Aber auch hier hat man zu ernsten Bedenken Ursache. Bis jetzt hat der Kompensationsverkehr eine äusserst wichtige Rolle gespielt. Denn nur durch dieses Mittel wurde es möglich, unserer Industrie die nötigen Rohstoffe zuzuführen und so die Schliessung der Fabriken und das Freiwerden der Arbeitermassen zu verhindern. Es drängt sieh einem deshalb die bange Frage auf: Wie soll das in Zukunft werden? Die Abweisung der Gefahr liegt darin, dass unsere Industrie ihren Betrieb heute zum grössten Teil auf Kriegsproduktion eingestellt hat. Der Austausch mit dem Ausland vollzieht sich zwischen Rohstoffen und fertigen Waren, und dadurch wird der Mangel an Kompensationswaren ausgeglichen. Im übrigen scheint auch das hochkursige Schweizer Geld dazu berufen zu sein, ausgleichend zu wirken. Durch die Verschiebung dieser Verhältnisse wird die schweizerische Landwirtschaft in die Möglichkeit versetzt, ihre volle Produktionskraft in den Dienst der inländischen Lebensmittelversorgung zu stellen und ihre Betriebsrichtung so auszuwählen, dass dem gefährlichen Abhängigkeitsverhältnis gegenüber dem Ausland äusserst wirksam entgegengetreten werden kann. Diese Anpassung im Interesse der Konsumenten bringt jedoch für uns Landwirte ganz einschneidende Veränderungen. Wir benötigen in erster Linie viel mehr menschliche und tierische Arbeitskräfte. Sodann müssen Gerätschaften und Maschinen aller Art zu horrenden Preisen angeschafft und Neueinrichtungen in Scheune und Speicher getroffen werden. Damit übernimmt der Bauer ein grosses Risiko, welches nur dadurch abgeschwächt werden kann, dass man uns von Staates wegen Garantien schafft, welche ein plötzliches Zurückgehen unserer Produktenpreise nach Friedensschluss verhindern. Leider ist in dieser Richtung bis heute noch nichts geschehen. Man weist daraufhin, dass, so wie die Verhältnisse heute liegen, diese Gefahr überhaupt nicht bestehe. Allein die Wirklichkeit hat schon gar so oft menschliche Berechnungen auf den Kopf gestellt, und deshalb erscheint es wünschenswert und notwendig, dass man uns in angedeutetem Sinne eine sichere Basis schafft. Nie mehr als heute muss es einem zum Bewusstsein kommen, dass von allen wirtschaftlichen Gruppen der Schweiz unserer Landwirtschaft die weitaus grösste Bedeutung zukommt. Von ihr hängt Sein oder Nichtsein unseres Landes ab. Man dürfte deshalb glauben, dass diese Überzeugung die weitesten Kreise unseres Volkes beherrschen sollte und dass man diese Verdienste des Bauernstandes offen und ehrlich anerkennen würde, Stattdessen müssen wir so vielfach das Gegenteil erfahren. Die gleichen Leute, die vor dem Krieg unsere Landwirtschaft als abgenütztes Inventarstück in die Grümpelkammer verbannen wollten, schrecken heute nicht davor zurück, lärmende Strassendemonstrationen zu veranstalten, wobei man Schimpf auf Schimpf und Hohn auf Hohn häuft gegen uns Bauern. Wo man uns als Ausbeuter, Wucherer bezeichnet, wo man von unsern Behörden verlangt, dass sie den Bauernstand in einen Sklavenstand verwandeln, und es muss geradezu als ein Skandal bezeichnet werden, wie sich die sozialdemokratische Presse dem Bauernstand gegenüber benimmt. Das alles spielt sich ab in einer Zeit, da der Bauernstand unter Anspannung aller Kräfte einer allgemeinen Aushungerungsgefahr und Verdienstlosigkeit vorzubeugen sucht. Meine Herren, gegen eine derartige Verhöhnung unseres Standes möchte ich hiermit Protest einlegen! Warum werden wir in dieser Zeit so angefeindet? Der Grund liegt in den hohen Lebensmittelpreisen. Wir wissen sehr wohl, dass infolgedessen in gar vielen Familien die Not vor der Tür steht. Es ist keine Kleinigkeit für einen mittellosen Familienvater mit zahlreicher Familie, schlicht und recht durchzukommen in so schwierigen Zeiten. Aber gerade für solche Verhältnisse finden wir in bäuerlichen Kreisen weitgehendes Verständnis. Es darf einmal öffentlich darauf hingewiesen werden, dass der Bauer vielfach an praktischem Sozialismus ungleich viel mehr tut als mancher, der sich als der Hüter der Arbeiterinteressen auszugeben berufen fühlt. Nach dem Sprichwort, „die linke Hand darf nicht wissen, was die rechte tut“, wandert gar manche Gabe in dieser oder jener Art aus dem Bauernhause ab, um notlindernd zu wirken im Kreise unbemittelter Familien. Im ferneren darf die Abgabe von Gratispflanzland und die Gratisfuhrungen in den verschiedensten Formen erwähnt werden. Wollte man diese Leistungen in Werte umsetzen, so gäbe dies gewaltige Summen. Deshalb muss es als eine bedauerliche Erscheinung bezeichnet werden, dass man mit allen Mitteln den Arbeiterstand auf dem Lande gegen die landwirtschaftliche Bevölkerung aufzuhetzen versucht. In den Städten mögen die Verhältnisse wesentlich anders liegen. Aber eines ist sicher: Der Bauernstand ist jederzeit bereit, der arbeitenden Klasse durch die Verwirklichung sozialer Reformen ihre Existenzbedingungen verbessern zu helfen. Er wird auch den berechtigten Forderungen der Fixbesoldeten gewiss zum Durchbruch verhelfen, aber alles unter der Bedingung, dass man von diesen Seiten auch für uns Bauern das gleiche Recht anerkennt. Die Existenzmöglichkeit der Landwirtschaft beruht nun einmal auf angemessenen Produktionspreisen. Dadurch ist allerdings zwischen Konsument und Produzent eine Reibungsfläche geschaffen, ehe nie ganz erkalten wird. Wir meinen, es sollte der Ausweg darin gesucht werden, dass die Lohnverhältnisse der nichtproduzierenden Bevölkerungsgruppen mit der Höhe der Lebensmittelpreise in Einklang gebracht werden. Der umgekehrte Weg ist falsch. Der Vorwurf von übersetzten Produktenpreisen, wobei die Landwirtschaft wucherische Gewinne erziele, zeugt davon, dass man die Verhältnisse, unter welchen zurzeit produziert werden muss, nicht versteht oder nicht verstehen will. Man weist auf die vermehrten Spareinlagen hin, de heute besonders bei den ländlichen Geldinstituten zusammenfliessen. Diese Tatsache mag zutreffen, aber woher rühren eigentlich diese vermehrten Barmittel? Einmal ist der Wald bedeutend kapitalfrei geworden. Diesem Kapital steht heute der entwertete kahle Waldboden gegenüber. Sodann hat der Viehstand, besonders der Bestand an Kühen, eine wesentliche Reduktion erlitten. Dadurch wurde ein Teil des Viehkapitals flüssig gemacht. Im weitern fehlte uns die Gelegenheit, Futter und Düngemittel in auch nur annähernd genügenden Mengen einkaufen zu können. Auch hier bleibt uns ein Teil des Geldes im Sack, das wir unbedingt in anderer Form unserm Grund und Boden wieder zuführen sollten. Auch wird mit den Bauten auf der ganzen Linie zurückgehalten. Nur das Allernotwendigste wird ausgeführt. Man will bessere Zeiten abwarten. Wir treiben heute eine ganz gefährliche Raubwirtschaft, und mit der Ausdehnung des Getreidebaues wird dieses Übel noch intensiver. Die alten Dauerwiesen werden umgepflügt und die reservierte Bodenkraft aufgezehrt. Durch die Einschränkung der Viehhaltung wird auch der natürliche Dünger immer knapper. Alles, was uns das Gut heute liefert, wird verkauft, wird umgesetzt gegen bar. Wenn das so weiter geht, so wird in absehbarer Zeit unsere Produktion bedenklich zurückgehen müssen. Diese Raubwirtschaft geschieht auf Kosten der Produktionsfähigkeit unseres Landes. Sie bedeutet nichts anderes als ein Umsetzen eines Teiles unseres Bodenkapitals in bares Geld. Wenn wieder normale Zeiten kommen, so werden diese flüssig gewordenen Gelder durch unsere Güter rasch wiederum aufgesogen sein. Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch noch anführen, wie schwer die allgemeine Teuerung auch unsern Stand erfasst hat. Alle Artikel für den täglichen Bedarf sind im Preise gewaltig gestiegen und zeigen immer noch steigende Tendenz. Nehmen wir zum Beispiel die Kleider, besonders die Schuhwaren, oder auch die Lebensmittel, die wir nicht selbst produzieren, wie Teigwaren, Zucker, Kaffee usw. Alle diese Sachen belasten unser Haushaltungsbudget ausserordentlich schwer. Aber noch viel schwerer drücken uns die hohen Preise auf all unsern Werkzeugartikeln, auf Maschinen und Gerätschaften aller Art. Man braucht nur einmal die Rechnungen unserer Berufsleute, wie Schmied, Schlosser, Mechaniker, Sattler, Wagner usw. zu vergleichen mit den Rechnungen von früher, um den gewaltigen Umsatz der Teuerung zu konstatieren. Aber auch auf die hohen Futter- und Düngemittelpreise muss hingewiesen werden. Für diesjährigen Ölkuchen beträgt der Aufschlag gegenüber früher 300 Prozent. Alle diese Faktoren haben die Produktionskosten enorm gesteigert. Ich möchte deshalb allen denjenigen Kreisen, die heute glauben, ihre Grösse in der Beschimpfung der Landwirtschaft beweisen zu müssen, den Rat erteilen, sich einmal ganz ernstlich in Gedanken in die schwierige Lage unseres Standes zu versetzen, und alle Kritik an den hohen Produktepreisen würde zerfliessen, und staunend würde man die grosse Duldsamkeit des Bauernstandes bewundern müssen. Ein Stand, der heute im Interesse der Allgemeinheit so Grosses leistet, mit dem soll nicht kleinlich gemarktet werden, sondern ihm gebührt der Dank des Vaterlandes. Werte Abgeordnete! Wir ahnen und fühlen es: Wir stehen am Vorabend einer neuen Zeit. In der ganzen Welt hat eine Gärung eingesetzt, die gewaltsam eine Abklärung fordert. Was nun diese neue Epoche alles bringen wird, das ist noch in mysteriöses Dunkel gehüllt. Die einzelnen Linien, die sich allmählich abzuheben beginnen, gestatten noch keine zuverlässigen Schlussfolgerungen. Die wirtschaftliche Ausgestaltung unseres Landes wird sich den internationalen Verhältnissen anpassen müssen. Für uns handelt es sich heute in erster Linie darum, alles zu tun, um von den Ereignissen nicht überrascht zu werden. Scharfes Beobachten, rasches Entschlussfassen und energisches Handeln, das müssen die zukünftigen Grundlagen bilden für die Sicherstellung des Erfolges. Was speziell unsern Genossenschaftsverband anbetrifft, so muss mit Bestimmtheit angenommen werden, dass, wenn uns die Verhältnisse wieder einmal eine freie Betätigung erlauben, wenn die Fesseln, in denen wir heute schmachten, gesprengt sein werden, wenn wir uns der Freiheit des Handelns wieder erfreuen dürfen, wir gleichzeitig auch an die Lösung von ganz neuen Aufgaben herantreten müssen. Um einen rationellen Einkauf unserer Waren zu ermöglichen, ist die Erschliessung direkter Bezugsquellen erstes Erfordernis. Das Mittel, dies zu erreichen, liegt in der Konzentration der Kaufkraft, und deshalb muss die Frage des Zusammenschlusses unserer schweizerischen landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände in den Vordergrund unserer Verhandlungen treten, und alle kleinlichen Bedenken dieser oder jener Art müssen im Interesse des Ganzen energisch zurückgedrängt werden. Im fernern ist es möglich und wahrscheinlich, dass uns die Macht der Verhältnisse neue Tätigkeitsgebiete zuweist, Auch die genossenschaftliche Verwertung unserer Produkte steckt noch sehr in den Anfängen und bedarf der Vervollkommnung. Wir sehen, ein vollgerüttelt Mass von Arbeit wird uns die Zukunft bringen. Um diese Arbeit möglichst fruchtbar und segensreich zu gestalten, ist es notwendig, dass unser Verband einen lückenlosen Aufbau erfährt, dass der genossenschaftliche Geist und die Genossenschaftstreue auch im hintersten Winkel Einkehr halten. Der Krieg hat uns ja so deutlich die Notwendigkeit einer straffen Organisation vor Augen geführt, ja, er hat sie diktatorisch gefordert. Dies trifft natürlich nicht nur zu für die Landwirtschaft, sondern auch alle anderen Berufsgruppen werden als geschlossenes Ganzes aus diesen kritischen Zeiten hervorgehen. Was wird nun dieser Zusammenschluss der einzelnen Interessengruppen zur Folge haben? Die Wirkungen dieses Vorgehens haben bereits eine scharfe Kennzeichnung erfahren, und eine politische Neuorientierung unseres Landes wird die unmittelbare Folgerung sein. Hiemit sind wir glücklich auf einem Gebiet angelangt, das wir sonst bei genossenschaftlichen Zusammenkünften nicht gewohnt waren zu betreten, es ist das Gebiet der Politik. Aber gewisse Erscheinungen anlässlich der letzten Nationalratswahlen verbieten uns geradezu ein längeres Stillschweigen. Sie kennen die Erscheinungen, die ich meine. Mit Spannung hat die ganze schweizerische Landwirtschaft den Ausgang der Nationalratswahlen im bernischen Mittelland verfolgt. Man war sich sehr wohl bewusst, was auf dem Spiele stand. Wir haben es erleben müssen, dass einer unserer besten und bewährtesten Vertreter im eidgenössischen Parlament, unser verehrter Verbandspräsident, Herr Jenny, im ersten Wahlgang bedenklich in Minderheit blieb. Diese Erscheinung ist umso unbegreiflicher, als man weiss, dass Herr Nationalrat Jenny sich nie in kleinlicher Interessenpolitik verlor, sondern die Prüfung aller Fragen immer in objektiver Art und Weise von grossen allgemeinen Gesichtspunkten aus vornahm. Deshalb muss es als ein Hohn bezeichnet werden, dass eine derartige Gefährdung überhaupt möglich sein konnte. Das gleiche trifft auch zu für Herrn Nationalrat Hirter. Es brauchte gewaltige Anstrengungen, um den Genannten im zweiten Wahlgang eine Wiederwahl zu ermöglichen. Heute sind die beiden glücklich gewählt, und es wird dies in unseren Kreisen beruhigend wirken. Damit ist die Sache jedoch nicht erledigt. Wir dürfen und wollen es nicht mehr zugeben, dass unsere Vertreter in der Bundesversammlung machtlos dem Spiel des Zufalls und der Verhältnisse ausgeliefert sind. Ich hoffe, dass dieses Vorkommnis genügt, um uns endgültig die Augen zu öffnen. Der Weg, den wir zu gehen haben, ist vorgezeichnet und heisst Proporz. In der Überlegung, es könnte der ideale Schwung, der einer grosszügigen Politik eigen sein muss, durch die Einführung des Proporzes leicht in ein kleinliches, fruchtloses Gezänke ausarten, haben wir früher dieses System bekämpft. Heute sind die Verhältnisse anders geworden. Man sucht auch bei der gegenwärtigen Politik umsonst nach Idealen. Nach dieser Richtung hin ist nichts mehr zu verlieren. Der Proporz wurde von anderer Seite auf den Schild erhoben, und wir haben heute allen Grund, uns dieser Bewegung anzuschliessen. Es dürfte angezeigt sein, sich schon heute Rechenschaft zu geben über die Wirkung dieser Neuerung. Wir sehen, wie sich die wirtschaftlichen Interessen scharf gruppieren. Diese Ausscheidung hat eine typische Illustration erfahren in den Bestrebungen der Fixbesoldeten der Stadt Bern. Ein Zeichen der Zeit, wer will es ändern? Der Proporz wird diese Gruppierungen mächtig fördern. Für uns — und das dürfen wir schon heute ruhig ins Auge fassen—gibt‘s meines Erachtens nur eine richtige Lösung, und das ist die Gründung einer Bauernpartei. Man ist bis jetzt vor diesem Gedanken in den eigenen Reihen zurückgeschreckt. Aber heute lassen die Zustände kein anderes Vorgehen mehr zu. Es muss für die Zukunft vermieden werden, dass man sich in den eigenen Reihen politisch bekämpft. Uns Bauern vereinigt das gleiche Interesse, und die Gründung einer eigenen Partei muss dazu dienen, noch bestehende Gegensätze auszugleichen. Unser Schweizervolk setzt sich aus verschiedenen Wirtschaftsgruppen zusammen. Diese letztem machen schon heute — und mit Recht — auf der ganzen Linie Anspruch auf angemessene Vertretung im Parlament. Dies wird beim Proporz noch viel scharfer zum Ausdruck kommen. Die Zusammenstellung des Parlaments wird eine andere werden. Eine Mehrheitspartei gibt‘s nicht mehr, sondern es wird der Weg der Verständigung zwischen den einzelnen Gruppen gesucht werden müssen. Was die Landwirtschaft anbetrifft, so darf gesagt werden, dass wir bis jetzt in der Zuteilung von Mandaten nicht spärlich bedacht wurden. Mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung, die unserem Stand zukommt, erscheint es an der Zeit, dass man auch uns ein vermehrtes Mitspracherecht in öffentlichen Landesangelegenheiten gewährt. Die Zukunft wird unser Land vor die Lösung schwieriger Aufgaben stellen. Ich möchte nur erinnern an die Erneuerung der Handelsverträge, an die Sanierung unserer Finanzen, an die Lösung der Fremdenfrage, an die Einführung der Alters- und Invalidenversicherung, die ganz besonders für unser landwirtschaftliches Dienstpersonal wertvoll wäre usw. Wenn wir aber an der Lösung dieser und späterer Fragen aktiven Anteil nehmen wollen, so müssen wir unsern Vertretern das nötige Rüstzeug mitgeben können. Hiemit käme ich neuerdings auf ein Gebiet zu sprechen, das ich schon früher bei einem andern Anlass kurz streifte, nämlich vermehrte Schulung der bäuerlichen Jungmannschaft auf bäuerlichem Gebiet. Der Vorstand der Ökonomischen Gesellschaft hat damals diese Anregung zur Prüfung entgegengenommen. Seither habe ich nichts mehr darüber erfahren, und ich will mich auch heute nicht weiter dazu äussern, aber ich hoffe, und es wäre wirklich zu wünschen, dass man sich um das Studium dieser Frage bemühen wird. Als Vertreter in unserer Landesbehörde sind nur Männer gut genug, die über das nötige Wissen und über den nötigen Weitblick verfügen. Selten einer ist hiezu von Natur aus befähigt, und deshalb müssen solche Männer erzogen werden. Nebst der Wahrung der beruflichen Interessen darf der Blick fürs Ganze nie verloren gehen. Wir wollen einem gesunden Fortschritt huldigen: Wir wolllen mitwirken an der wohnlichen Ausgestaltung unseres Staatsgebäudes, und unser Bestreben soll dahin tendieren, ein heimeliges Zusammenleben und ein fruchtbares Zusammenwirken aller Berufsgruppen zu fördern, zum Wohl des ganzen Schweizervolkes und zur Erhaltung unseres lieben Vaterlandes! |
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